Manchmal sind Tage wie alle anderen. -Aber manchmal auch nicht, ganz unerwartet. So wie dieser Sonntag im Oktober. Eine Bekanntschaft am Zürcher Flughafen, mit einem rothaarigem Briten, veränderte diesen langweiligen, üblichen Sonntag. Hier zur ganzen Story:

Als ich am Sonntag um sieben Uhr am Flughafen stand, um den Laden aufzuschließen war ich mir sicher, dass es ein Tag wie jeder andere sein würde. Ich erledigte meine Arbeit routiniert wie immer, und bangte schon nach der dritten Stunde auf den Feierabend, den ich mit zwei Freundinnen geplant hatte.

Als die zweite Schicht kam, war ich froh, endlich in meine Mittagspause verschwinden zu dürfen. Normalerweise hole ich mir etwas aus dem Supermarkt und setze mich für eine halbe Stunde auf eine Bank vor dem riesigen Gebäude. Doch an diesem Sonntag war mir nicht danach, also entschloss ich mich mir etwas Gutes zu tun. Ein Asiatisches Menü beim Foodland. In der Warteschlange bereute ich meine Entscheidung schon fast, als ich die vollen Tische sah.

Mit meinem Tablett in den Händen schaute ich mich um und entdeckte einen freien Platz auf den ich zusteuerte. Der rothaarige junge Mann der am Tisch saß, war vertieft in sein Buch. Als ich fragte ob hier noch frei sei, legte er hastig sein Buch weg und schob sein leeres Tablett etwas auf die Seite.

Ich setzte mich und stellte mein Tablett ab. Es duftete herrlich gut, doch irgendwie war mir nicht mehr nach essen. Ich schaute ihn an, wie er bequem auf dem Stuhl saß.Das Buch in den Händen, die Brille vor seinen Grünen Augen, das französische Perret schräg aufgesetzt und sein Gittarenkoffer und die Ledertasche auf der Seite stehend. Trotz meinem wenigen Appetit versuchte ich zu essen, und dies vor allem möglichst ohne etwas von der Gabel zu verlieren. Eigentlich mag ich es gar nicht, unter Beobachtung zu essen, genau dann gelingt es mir selten meine Kleidung unbefleckt zu lassen.

 Und unter Beobachtung stand ich.Ich wusste kaum wo ich hin  schauen sollte, als ich mir die Gabel mit Reis auflud und seine Blicke immer wieder spürte. Er legte sein Buch weg und nahm ein Ledriges Notizbuch hervor, in das er begann etwas zu schreiben. Er starrte etwas in der Gegend herum und packte dann plötzlich seine Gitarre aus. Ich schaute ihn an und hörte zu, wie er leiste ein paar Melodien spielte. Jetzt war mir noch schlechter und ich zwang mich möglichst entspannt zu wirken.

Er lächelte mich an und in diesem Moment wäre ich am liebsten aufgestanden und weggerannt. Ich war einerseits von seiner Gegenwart ein wenig amüsiert, doch andererseits war es mir unglaublich unangenehm, ich hatte keine Ahnung ob ich diese Situation gut fand.

Er hörte auf zu spielen und schaute mich an, und fragte mit einem charmanten british English ob es mir etwas ausmachte. Ich schüttelte etwas zu fest den Kopf und sagte ihm er solle weiterspielen. Er tat es aber nicht. Stattdessen rückte ich damit raus, dass ich etwas verlegen sei und nicht recht wusste wo hin ich schauen sollte, als er Gitarre spielte. Die Ehrlichkeit rutschte einfach so aus mir heraus und er lachte. er mag es, Leute in unbehagliche Situationen zu bringen, meinte er. Wir lachten beide und redeten über diese typischen awkward moments den man manchmal gerne entkommen möchte. Ich fragte ihn was er hier tat. Er erzählte mir, dass er für zwei Wochen her kam, er meinte es sei eine etwas komplizierte Geschichte, die ich aber aus ihm herauslocken konnte.

 Und die ging so; vor etwa einem Jahr hatte er in Bristol ein Schweizer Mädchen kennengelernt, die einige Monate in England einen Sprachaufenthalt machte. Anscheinend hatte er sich so ziemlich Halsüberkopf in sie verliebt, dass er ein Jahr lang an nichts anderes mehr denken konnte, als an sie. Er entschied sich spontan einen Flug zu buchen um sie endlich wieder zu sehen, um sie zu besuchen. In der Schweiz angekommen, versuchte er sie mittels Telefon zu erreichen.  Doch als sie dann endlich das Telefon abnahm, teilte sie ihm mit, dass sie sich in einer Klinik befand. Er sah sie in der ganzen Zeit, in der er sich in der Schweiz befand nicht und lernte stattdessen einen deutschen Typen kennen, der ihn zu sich nach Hause einlud um für zwei Wochen bei ihm zu pennen. Er meinte, er habe viel von Zürich gesehen, viel Gitarre gespielt und habe Unmengen an Hasch verraucht. Aber der Grund warum er hier war habe sich nicht gelöst. Nun, sein Flug gehe Morgen und  er werde bis dann am Flughafen sein und warten, ein wenig Lesen, Gedichte schreiben und Musik machen.

 Ich starrte ihn an, und als er mit seiner Geschichte fertig war wollte er meine Story hören und woher ich kam. „Ich, ich bin von hier.“ Sagte ich etwas unsicher. „Du bist von hier?“ hinterfragte er unglaubwürdig. „Ja, ich arbeite hier am Flughafen, gleich bei dem Blumengeschäft da hinten. Eignetlich esse ich nie hier, meistens gehe ich raus. Ich mag es nicht so mit fremden Leuten am Tisch zu sitzen, die mich in unbehaglich Situationen bringen.“ Erklärte ich.  „Na, was für ein Glück, dass du heute hier her kamst.“ Er lächelte. Plötzlich riss mich der Alltag wieder ins Leben und ich merkte, dass ich zurück musste.

„ Wenn du magst, ich arbeite bis sechs Uhr und habe danach mit zwei Freundinnen abgemacht, in der Stadt. Willst du mitkommen? Ich denke das wäre ein etwas netteren Abschluss deines Aufenthalts, als hier am Flughafen die Zeit rumzuschlagen.“ „ Ja, klar! Liebend gern.“  Antwortete er mit einem herzlichen Lächeln. „Ich komme dich abholen, okay?“

Ich stand auf und hastete zurück zur Arbeit. Was für eine Mittagsbegegnung. Unglaublich. Zum guten Glück ging die Zeit schnell vorbei und um zehn nach Sechs holte er mich wie besprochen ab.

Wir nahmen den Zug nach Zürich und wir redeten über seine Gedichte, von denen ich einige lesen durfte, sprachen über Zürich, er erzählte mir von den Orten die er besucht hatte.

Im Café Zähringer trafen wir dann meine Freundinnen an, die schon seit vier Stunden auf den Stühlen an der Sonne saßen. Ich stellte ihnen mein Mitbringsel vor und es begann ein Abend der ungeplant, unverhofft großartig wurde.

Als er auch meinen Kolleginnen den Hintergrund seiner Reise erzählte, überredeten wir ihn dazu, sie nochmals anzurufen, hier und jetzt. Erst wollte er nicht, doch wir machten ihm bewusst, dass in einigen Stunden sein Flieger ginge und dies seine letzte Chance sein könnte. Er nahm das Telefon zur Hand und lies es klingeln. Niemand ging ran. Ich hatte langsam selbst keine Nerven mehr und entschloss mich, sie von meinem Handy aus zu erreichen.

Nach dem dritten Klingeln nahm sie den Anruf entgegen. Ich wusste erst nicht recht, was zu tun war und streckte ihm das Telefon entgegen. Sie sprachen kurz und er gab es mir zurück und bat mich, mit ihr zu sprechen. Ich stellte mich ihr kurz vor.Dass ich ihn heute kennengelernt hatte, ein Häufchen Elend, welches für sie eine Reise auf sich nahm, in der Hoffnung sie zu treffen. Sie hatte eine herzliche, ruhige Stimme und wir waren uns wohl beide sehr sympathisch.

Leider wollte das Glück nicht auf Englands Seite stehen, denn sie erklärte mir, dass sie einen Freunde habe. Und es stellte sich heraus, dass sie wohl auch nicht wirklich darüber informiert war, dass er ihretwegen in die Schweiz kam. Es schien, als ob ihre Begegnung, damals in England für beide ein anders Kennenlernen und nun eine unterschiedlich Erinnerung war. Wir verabschiedeten uns, ich wünschte  ihr für die Zeit in der Klinik alles gute, dann legten wir auf.

Ich schaute ihn an und versuchte ihm das Gespräch möglichst schonend zu übersetzen und zu erklären. Er nickte nur und meinte, er sei froh da sie glücklich sei. 

Etwas betrübt saß er da. Dann begann er zu lächeln, schaute uns an und wir spürten die Dankbarkeit in seinem Blick. Er war froh Gewissheit zu haben, das war klar. Er lächelte und lächelte vor sich hin, schnappte seine Gitarre und spielte einige Jimi Hendrix Songs.

Wir verbrachten noch einen gemütlichen, witzigen Abend, mit einer neugewonnen Freundschaft, welche ganz unerwartet an einem gewöhnlichen Sonntagnachmittag ihr Anfang fand.

THANK YOU TEDDY!