Seit einiger Zeit bin ich eine von diesen, die Abends zur Arbeit geht. Durch diese Umstellung hat sich auch mein Rhythmus verändert, man möchte sagen meine ganze Tagesorganisation.

Morgens wird ausgeschlafen, mittags wird Frühstück gegessen und die Energie lässt sich erst gegen den Nachmittag spüren.  Kein Wunder, habe ich nach der Arbeit noch so viel Energie und Antrieb als sei es gerade mal sieben Uhr. Alles ist etwas verschoben.

Und wenn ich die Arbeit beendet habe und eigentlich bereits alle im Bett liegen, weil für sie der Wecker morgens wieder auf sechs gestellt ist. Dann wende ich mein Ritual an, um auch müde und bereit fürs Bett zu werden.

Ich schleich durch die menschenleeren Gassen, nur einigen einsamen Seelen begegne ich und frage mich dabei, was sie wohl treiben. Ein Anzugträger schlendert, mit der Hand in der Hosentasche und dem Aktenkoffer in der rechten Hand zur Tramstation. Und wenn ich in sein müdes Gesicht blicke, hoffe ich, dass dieser Herr im Anzug von seinem Feierabenddrink kommt. Oder irgendeinem inoffiziellen Geschäftsessen, bei dem über neue Projekte diskutiert, gelacht und getrunken, aber noch nicht verhandelt wird. Alles noch ohne Hand darauf, alles erst Ideen. Aber hoffentlich, hoffentlich kommt er nicht erst um diese Uhrzeit aus dem Büro. Denn ich sehe die Zahl seiner Überstunden auf seiner runzeligen Stirn geschrieben und hängend in seinen schlaffen Mundwinkeln. 

Weiter durch die Strassen, die Schaufenster sind mit Licht erleuchtet und mit Reklamen, die grell scheinen. Fast schon brennen sie in meinen Augen. Nicht nur fast, es brennt mir in den Augen, dieses helle, klare Neonlicht. So wie mir das linke Auge brannte, als ich vor Kurzem im Restaurant eine Zitrone auf mein Cordon bleu ausquetschen wollte. Die Zitrusfrucht spritzte in die falsche Richtung, nämlich wortwörtlich ins Auge. Als wäre ich ins Tränengas gerannt, schluchzte ich vor meinen Teller hin. Bei diesem Gedanken muss ich anfangen zu lachen, endlich merke ich, wie sich mein Rücken etwas entspannt und meine steifen Muskeln, die den ganzen Tag von Küche zu Tisch, zu Kasse, zu Tisch zu Bar gerannt sind etwas weicher werden.

Auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich wie aus dem Kino Metropol Besucher kommen, eine Gruppe unterhaltet sich über die Schauspieler, einer protestiert verächtlich über die Hauptfigur. „Wie konnte dieser Nichtsnutz nur diese Rolle ergattern? Das Letzte!“. Sein Rudel nickt und fügt sich seiner Meinung, der Wolf hat gesprochen.

Ich schleppe mich weiter, mit meinen Kopfhörern aufgesetzt und lebhaftem Jazz in den Ohren mache ich mich auf zu meinem letzten Abendritual. Eine warme Schokolade, bevor es heimwärts und endlich ins Bett geht.

Gute Nacht Züri!